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Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland

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Kinder- und Jugendhilfe und Digitalisierung

Die fortschreitende Digitalisierung mit ihrer gleichzeitigen Durchdringung von Lebenswelten junger Menschen und professionellen Handlungsformen Sozialer Arbeit verändert Kinder- und Jugendhilfe auf verschiedenen Ebenen:

  • Auf der ersten Ebene bestimmt die Digitalisierung mit ihren digitalen Erfahrungsräumen die Erfahrungswelten von Kindern und Jugendlichen. Reale und virtuelle Lebensräume verschränken sich auf vielfältige Weise.
  • Auf der zweiten Ebene haben sich die Angebotsstrukturen in den verschiedenen Leistungsfeldern zunehmend der Anforderung der Digitalisierung stellen, um anschlussfähig an jugendliche digitalisierte Lebenswelten zu sein.
  • Auf der dritten Ebene haben die öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe im digitalen Zeitalter neue Formen der Verwaltung zu entwickeln, um zeitgemäße leistungsfähige  Arbeits- und Kooperationsformen gewährleisten zu können.

Erläuterung

Ein Kind schaut durch eine Virtual-Reality-Brille / A child looking through virtual reality goggles

Digitale Medien sind zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen geworden und prägen in vielfältiger Hinsicht den Alltag in Familien. Digitale Medien sind aber auch in der Arbeitswelt allgegenwärtig präsent und formen so auch die Berufstätigkeit im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe. Das Thema Digitalisierung ist daher – im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe – heute und in der Zukunft in dreierlei Hinsicht mit bedeutsamen Herausforderungen verbunden:

  1. Zum einen beeinflussen digitale Medien und deren Nutzung die Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und Familien in erheblicher Weise. Das kann für lebensweltorientiertes sozialpädagogisches Handeln nicht ohne Auswirkungen bleiben. Die in der Digitalisierung enthaltenen Chancen für die Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen (Gewinnung, Erhalt und Pflege freundschaftlicher Beziehungen in Peer-Groups, Gestaltung individuell gewählter, wenn auch virtuell gestalteter Lern- und Erfahrungsräume, etc.) gehen allerdings einher mit gewissen Risiken und Gefährdungspotenzialen (Cybermobbing, Bildung von „Echo-Räumen“, Zugang zu pornographischen und/oder gewaltverherrlichenden Inhalten etc.). Diese lange nicht abgeschlossene Entwicklung ist von der Kinder- und Jugendhilfe als Rahmenbedingung des Aufwachsens zu akzeptieren und im Sinne einer Erziehung junger Menschen zu selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten (vgl. auch § 1 Abs. 1 SGB VIII) kritisch zu reflektieren und konstruktiv zu begleiten. Hier stellen sich zukünftig im Kontext des präventiven/erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes (vgl. Erzieherischer Kinder- und Jugendschutz) weiter wachsende Herausforderungen an die Kinder- und Jugendhilfe. Insbesondere im Schnittbereich zur Schule (vgl. Kinder- und Jugendhilfe und Schule - Kooperation) wird ein zentrales Thema dabei die Vermittlung einer der digitalen Welt angemessenen Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Eltern sein.
  2. Zum zweiten nimmt die Digitalisierung zunehmenden Einfluss auf die Gestaltung sozialpädagogischer Leistungsangebote – von der schon länger existierenden Online-Beratung über Beratungssettings im Rahmen der Erziehungsberatung oder der ambulanten Hilfen zur Erziehung (z.B. im Rahmen der Elternarbeit) bis hin zu vermehrt entwickelten Konzepten „digitaler Jugendzentren“. Die Digitalisierung von Angeboten zieht sich mit vielen Chancen durch das gesamte Leistungsspektrum der Jugendhilfe. Gleichwohl ist sie nicht ohne Risiken, denkt man z.B. an die aufkeimenden Versuche, z.B. im Kinderschutz digitale Entscheidungsvorgaben aufgrund statistischer Risikoberechnungen oder aufgrund einer Algorithmen-Logik zu entwickeln und einzusetzen. Solche Versuche bleiben nicht ohne Auswirkungen auf professionelle Denkmuster von Fachkräften in diesem Feld.
  3. Zum dritten verändern Informations- und Kommunikationstechnologien die organisationsbezogenen Arbeitsweisen in sozialen Diensten und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe von der internen Verwaltungsorganisation (z. B. digitale Aktenführung, dezentrale Remote-Arbeitsplätze, Online-Team-Besprechungen, Organisation der Kostenbeteiligung) bis zur Steuerung von Strukturen z. B. der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freien Trägern, Gestaltung von Finanzierungsmodalitäten oder der Qualitätsentwicklung.

Akteure und Akteurinnen in der Kinder- und Jugendhilfe werden sich mit allen drei Dimensionen des Themas „Medienentwicklung und Digitalisierung“ offensiv auseinandersetzen müssen.

Literatur
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